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18-09-09

"Arbeiten lieber an uns selbst"

 


Dr. Frank Templin, Ärztlicher Direktor des Johanniter-Krankenhauses Geesthacht: Teamarbeit für die Patienten.Foto: Dagmar Koschek

Von Olaf Kührmann

 

Geesthacht - Bis zu 40.000 Tote durch Schmutz in deutschen Krankenhäusern, deutsche Patienten, die in Holland vor einer Krankenhausbehandlung erst in Quarantäne kommen, korrupte Ärzte, die von Krankenhäusern »Zuweiserprämien« kassieren, Politiker, die im Bunde mit Krankenkassen-Vorständen die Bettenzahl der »Volks«-Krankenhäuser, in die sie nie gehen würden, weiter vernichten wollen, medizinisch notwendige Medikamente, die nicht mehr verordnet werden, die »englische«, also blutige Entlassung von Patienten wegen einer aus Profitgründen zu kurzen Verweildauer, Bundestagsabgeordnete, die gemeinsam mit Lobbyisten der Pharma-Konzerne Gesetze zum Schaden von Kassenpatienten auf den Weg bringen, sowie Kassenpatienten, die nach Aussage von Ärzten nicht mehr mit notwendigen Medikamenten versorgt werden (Quellen: TV-Dokumentationen der vergangenen Wochen): Das Gesundheitswesen in Deutschland ist krank. Und eine Besserung (der für diese Zustände Verantwortlichen) ist nicht in Sicht. Da müssen sich Krankenhaus-Führungsetagen schon eine Menge einfallen lassen, damit die Häuser, für die sie verantwortlich sind, überleben. Und damit der ethische Auftrag, Patienten zu heilen, nicht aus dem Blick gerät.


Im Johanniter-Krankenhaus Geesthacht sei das der Fall, sagt Dr. Frank Templin, seit knapp dreieinhalb Jahren Ärztlicher Direktor des Hauses. Und mehr noch: »Nachdem wir unser Leistungsspektrum in den vergangenen gut drei Jahren deutlich erweitert haben, schreiben wir sogar wieder schwarze Zahlen«.
Trotz unüberhörbarer Erkältung schmunzelt Templin auf die Frage, welche »Zuweiserprämien« das Haus niedergelassenen Ärzten zahle, um die Auslastung zu erhöhen: »Gar keine. Defizite einer Krankenhausversorgung kann man nicht mit einer Prämie ausgleichen. Darum arbeiten wir lieber an uns selbst«. Und die Auslastungsquote von etwa 80 Prozent – an Montagen, sagt Templin, seien es auch mal mehr – und aktuell 11.000 stationären Patienten im Jahr spricht für diese Aussage.


Womit der Ärztliche Direktor bei dem erwähnten erweiterten Spektrum ist, einer Aufzählung von Schwerpunkten, die den Zuhörer schon beeindrucken kann. »Wir haben in dieser Zeit die Gefäßchirurgie in unserem Haus installiert, eine Disziplin, die wir zuvor in Kooperation mit einer anderen Klinik in Harburg durchgeführt haben«, sagt Templin. Der ersten Gefäßchirurgin folgt jetzt eine zweite Gefäßchirurgin nach Geesthacht, Ballonkatheter kommen nun, wenn es »eng« wird, auch in Geesthacht zum Einsatz. »Wir kommen, beispielsweise auch durch Bypass-Operationen, in der Gefäßchirurgie gegenwärtig auf etwa 350 Eingriffe im Jahr«, sagt Templin. Und damit könnten die Patienten aus dem Einzugsgebiet des Hauses erstmals quasi vor der Haustür versorgt werden.
Ein zweiter Schwerpunkt sei die Orthopädie, sagt Templin. Neben der Knie- und Hüftchirurgie würden inzwischen auch Patienten mit Fuß- und Schulterproblem in Geesthacht gut chirurgisch versorgt.


Die Diagnostik und Behandlung der Herzkranzgefäße sei ein weiterer Schwerpunkt im Johanniter-Krankenhaus. Templin: »Die Zahl der chirurgischen Eingriffe hat sich verdoppelt. Nicht zuletzt dadurch hat sich die wirtschaftliche Situation unseres Hauses so verändert, dass wir wieder schwarze Zahlen schreiben. Und wir stehen besser da als andere Krankenhäuser in Norddeutschland.«


Ein Darmzentrum, ein Beckenbodenzentrum und die Adipositas-Chirurgie (behandelt erhebliches Übergewicht, »ziemlich einmalig mit ihrem umfangreichen Konzept einer Langzeitbetreuung«, sagt Templin) stehen ebenfalls auf der Positiv-Liste des Hauses.
Getrennt hingegen habe sich das Haus von Polytraumata: »Diese Patienten sind im Unfallkrankenhaus Hamburg oder in der Asklepios Klinik St. Georg in Hamburg besser aufgehoben«, sagt Templin.
Doch neben allen medizinischen Parametern stehe ganz deutlich der Umgang mit den Patienten im Vordergrund. Templin: »Wir arbeiten ständig daran, die Fürsorge zu verbessern«.


So gebe es neben einem Entlassungsmanagement, beispielsweise für alleinstehende, hilfsbedürftige Patienten, auch ein Beschwerdemanagement.
6,1 Tage betrage die durchschnittliche Verweildauer im Johanniter-Krankenhaus Geesthacht. »Damit haben wir die kürzeste Verweildauer aller 12 Johanniter-Krankenhäuser«, sagt Templin. Das Ziel sei es, den Patienten durch eine straffe Organisation im Haus Wartezeiten zu ersparen. Eine verbesserte Zusammenarbeit mit niedergelassenen Ärzten für die Nachsorge sei Voraussetzung. Templin: »Wenn ein Patient der Meinung ist, er werde zu früh entlassen, werden wir das berücksichtigen.«
Multiresistente Bakterien (MSA) fühlen sich in Krankenhäusern besonders wohl. Die Zahl der von Fachleuten genannten bis zu 40.000 Toten im Jahr in deutschen Krankenhäusern sei auch auf diese Bakterien, insgesamt aber auf kostenbedingte, katastrophale hygienische Zustände in deutschen Kliniken zurückzuführen. Darum auch, sagt Templin, habe Hygiene im Johanniter-Krankenhaus Geesthacht eine ganz hohe Priorität. Neben einer – gesetzlich nicht vorgeschriebenen – hygienebeauftragten Schwester werde im Haus eine Infektionsstatistik geführt. Desinfektionsspender in den Krankenzimmern gehören inzwischen zur normalen Ausstattung. Templin: »Bei der MSA-Besiedlung liegen wir deutlich unter dem Bundesdurchschnitt. Wir dürfen aber nicht übersehen, dass die Tendenz steigend ist.« Als Konsequenz – und das ist wirklich außergewöhnlich in deutschen Krankenhäusern – würden gegenwärtig alle Beschäftigten im Johanniter-Krankenhaus auf MSA gescreent. Und in der Notaufnahme laufe gegenwärtig ebenfalls ein Versuch, Patienten auf MSA zu screenen. Templin: »Diese Maßnahmen liegen deutlich über den Empfehlungen des zuständigen Robert Koch-Instituts in Berlin.« Der Ärztliche Direktor: »Krankenhaus-Infektionen kann man nicht hundertprozentig verhindern, aber deutlich minimieren.«
Der Blick des 275-Betten-Hauses gehe nach vorn, sagt Templin. So seien der Neubau der Intensivstation und des Aufwachbereiches geplant, das Schlaganfallzentrum und Operationssäle würden im Zusammenhang mit dieser Maßnahme künftig auf einer Ebene liegen. Auch die Notaufnahme werde umgebaut, um der stetig steigenden Patientenzahl gerecht zu werden. Neu etabliert werde eine Neurologische Abteilung.
Templin: »Wenn wir einmal weit in die Zukunft sehen, wird sich das Krankenhaus zunehmend zu einem Gesundheitszentrum entwickeln, in dem viele Disziplinen vereinigt sind.«



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