31-10-09
Stürzt das soziale Gebäude in Deutschland ein?
Von Gabriele Kasdorff
Lauenburg – Unvorstellbar für ein funktionierendes soziales Gebäude in unserem Land ist die Verkürzung des Zivildienstes auf sechs Monate ab 2011. So steht es im Koalitionsvertrag: »Die Koalitionsparteien halten im Grundsatz an der allgemeinen Wehrpflicht fest mit dem Ziel, die Wehrdienstzeit bis zum 1. Januar 2011 auf sechs Monate zu reduzieren.« Da der Zivildienst der Wehrpflicht gleichgeschaltet ist, sind die möglichen Auswirkungen kaum bezahlbar. Denn obgleich natürlich ein Zivildienstleistender nur sogenannte Komplementär- oder Nischendienste leistet, so ist er doch mit eingeplant in die Kostenstrukturen sozialer Dienstleistungen.
Uwe Frensel, Geschäftsführer der Arbeiterwohlfahrt (AWO) Landesverband Schleswig-Holstein, ist seit 25 Jahren im Ortsverein für die Zivildienstleistenden zuständig. Von der Vorstellung der verkürzten Zivildienstzeit ist er entsetzt: »Schon jetzt bitten wir Zivis immer wieder, den Dienst zu verlängern oder früher zu beginnen, damit es zu keinen organisatorischen Engpässen kommt.« Bei der AWO übernehmen die Zivis das Verteilen von »Essen auf Rädern«, Hausmeisterdienste, mobile soziale Hilfsdienste und allgemeine Verwaltungsarbeiten. Uwe Frensel: »Wir kämen in schwerste Bredouille, denn dann fehlen uns weitere drei Monate. Kaum ist der Zivi da, ist er schon wieder weg. Die Zivis gehören bei der AWO zur 'Familie' und werden voll integriert«, erläutert Uwe Frensel. »Sie lernen in dem Dienst für das weitere Leben. So viel junge Männer hat das Land gar nicht, dass wir ausreichend mit Zivis die Stellen besetzen könnten«, empört er sich. So würde beispielsweise das »Essen auf Rädern« erheblich teurer werden müssen, ebenso wie die Betreuungspauschale, bei einer anderen Kalkulation. Und wer kann sich diese Dienste dann noch leisten? Die Zivis arbeiten zum größten Teil aus sozialem Engagement in den verschiedenen Bereichen und nicht, um Geld damit zu verdienen. Das prägt für eine soziale Einstellung im künftigen Leben. In Richtung der Politik sagt Uwe Frensel: »Die sollten darüber nachdenken, dass das soziale Gebäude, das wir geschaffen haben, nur so funktioniert, wie es ist.« Seit 35 Jahren arbeitet Frensel für die AWO: »Die politisch Verantwortlichen sollten diejenigen anhören, die anerkannte Zivildienstträger sind.« In Lauenburg arbeiten acht Zivis für die AWO und sind mit ihren Leistungen aus dem funktionierenden sozialen Netz nicht wegzudenken.
Philip Schmidt ist ein Zivi, der in Büchen seinen Dienst in einer Anlage der AWO mit Betreutem Wohnen ableistet. »Ich arbeite hier, weil ich etwas zurückgeben wollte von dem, was ich bislang erhalten habe im Leben.« Er ist mit einem weiteren Zivi zuständig für Aus- und Einkaufsfahrten, erledigt Hausmeisterdienste und hilft in der Verwaltung. Während des Gespräches kommt eine alte Dame mit einer Bitte. »Philip, bei mir funktioniert die Heizung nicht richtig, kannst Du einem Handwerker Bescheid sagen?« Rührend kümmert er sich sofort um die Wünsche und sagt: »Die alten Menschen brauchen Zeit, um Vertrauen zu uns zu fassen und um richtig integriert zu sein, bedarf es schon rund drei Monate. Außerdem brauchen wir eine gewisse Einarbeitungszeit.«
Er und sein Kollege halten die Verkürzung für »Schwachsinn«. Und für die Arbeitgeber meinen die beiden, würde es auch keinen Unterschied machen, ob sie sechs oder neun Monate auf den Arbeitnehmer warten müssten.
Philip Schmidt betrifft die Neuregelung nicht, aber er sorgt sich um »seine alten Menschen«, wenn er an die Zukunft denkt. Er ist seit drei Monaten dabei und wendet sich seiner Arbeit zu. Er bereitet gerade einen Hauskonzertabend vor. Die stolze Großmutter Irmgard Schmidt, die mit ihrem Mann in der Anlage lebt, freut sich: »Mein Enkel spielt wunderbar Chopin und wird uns heute Abend bei dem Konzert auch etwas vorspielen.«
Noch ist die Welt der alten Menschen hier in Ordnung, bleibt zu hoffen, dass es Wege geben wird, die unser soziales Netz auch weiterhin erhalten.