26-01-10
Ergebnis der KiKK-Studie bleibt ohne Konsequenz
Geesthacht (gak) – Die Epidemiologische Studie zu Kinderkrebs in der Umgebung von Kernkraftwerken (KiKK-Studie) bestätigt in der Zusammenfassung aus dem Jahre 2007: »Unsere Studie hat bestätigt, dass in Deutschland ein Zusammenhang zwischen der Nähe der Wohnung zum nächstgelegenen Kernkraftwerk zum Zeitpunkt der Diagnose und dem Risiko, vor dem 5. Geburtstag an Krebs (bzw. Leukämie) zu erkranken, beobachtet wird. Diese Studie kann keine Aussage darüber machen, durch welche biologischen Risikofaktoren diese Beziehung zu erklären ist.«
Um diese Studie erneut zu diskutieren, hatte die Stadt Geesthacht zu einer Bürgerversammlung in den Ratssaal des Rathauses eingeladen, der etwa 200 Interessierte gefolgt waren. Die dazu geladenen Experten waren sich zwar bezüglich der Abstandsabhängigkeit einig, jedoch die Auslegung der Studie war grundverschieden. Auf dem Podium diskutierten unter der Moderation von Jürgen Vollbrandt der Kinderarzt Dr. Winfried Eisenberg, der Arzt und Epidemiologe Prof. Dr. Eberhard Greiser, der Vorsitzende der Strahlenschutzkommission des Bundes Prof. Dr. Rolf Michel, aus dem Kieler Ministerium für Justiz, Abteilung Reaktorsicherheit und Strahlenschutz, Dr. Wolfgang Cloosters, aus dem Sozialministerium und Landesamt für Gesundheit und Arbeitssicherheit Dr. Birger Heinzow sowie aus dem Bundesamt für Strahlenschutz Dr. Thomas Jung.
Professor Greiser begann mit der Vortragsreihe, der sich eine Diskussionsrunde anschloss. Er erläuterte die Studie und sprach von eindeutig statistisch signifikanten Erhöhungen im Umkreis von bis zu fünfzig Kilometern bei der Erkrankung von Kindern unter fünf Jahren an Leukämie. Zugleich verwies er auf die Unwiederholbarkeit von epidemiologischen Studien. »Wesentliche Teile der Veröffentlichung verschwanden schlicht«, prangerte er an. Kritisch äußerte er sich über den Leiter des deutschen Kinderkrebsregisters in Mainz, Dr. Peter Kaatsch, der die KiKK-Studie anders auslege und Flussläufe sowie die Nähe zu Hochspannungsmasten als »unentdeckte Risikofaktoren« bezeichne. Professor Greisers zynische Anmerkung: »Dr. Kaatsch sollte sich überlegen, dass der Steuerzahler sein Gehalt zahlt und nicht Vattenfall«, erntete spontanen Applaus. »Die Frage bleibt: Cui bono? (Lateinisch: Wem zum Vorteil?)«, endete er seinen eindeutigen Vortrag.
Dr. Thomas Jung erläuterte die Rahmendaten der Studie und sprach von der Chance, in der Nähe von Kernkraftwerken im gesamten Leben an Leukämie zu erkranken von 1 : 100.000. »Nur« fünf von 100.000 Kindern erkranken an Leukämie, das sei ein ansteigender Trend von 0,6 Prozent, deren Entstehung unbekannt sei. »Die Genetik, die Umwelt und andere Abhängigkeiten spielen dabei sicherlich auch eine Rolle«, vermutete er. Seine letzte Overheadfolie: »Ursachen: Wir wissen es nicht!«, brachte die ganze wissenschaftliche Hilflosigkeit zum Ausdruck.
Der Kinderarzt Dr. Eisenberg gab sich betroffen und wies darauf hin, dass Kinder besonders sensibel auf Strahlung reagieren: »Je jünger desto höher die Schädigung.« Er nannte vier wesentliche Punkte.
Wachstum bedeutet Zellteilung und in den Phasen der Zellteilung sind die Zellen besonders gefährdet. Bei einem Erwachsenen können Zellteilungsfehler durch Aussonderung der defekten Zellen behoben werden, bei Kindern funktioniert dieser Effekt noch nicht. Die positive Stoffbilanz ist der dritte der Gründe. Die Kinder müssen im Wachstum mehr aufnehmen als abgeben. »Die Knochen der Kinder haben einen großen Calciumhunger, Strontium 90 ist im periodischen System nahe an Calcium und wird daher in den Knochen abgelagert«, erläuterte er. Als letztes nannte er die langen Latenzzeiten, da Kinder aber naturgemäß noch eine lange Lebenserwartung haben, können sie auch das Ende der Latenzzeit erreichen. Er schloss seinen Vortrag: »Möglicherweise genügen zwei Tage mit hohen Emissionen bei Brennelementenwechsel, um einem Embryo zu schaden.«
Professor Michel von der Strahlenschutzkommission bestätigte in seinen Ausführungen zwar die Abstandsabhängigkeit, hielt die Studie als ganzes jedoch für nicht sinnvoll. Er verwies auf diverse Möglichkeiten der Bestrahlung und nannte die Strahlung von Kernkraftwerken dagegen: »Nur verschwindend gering.« Ebenso sah er die Kausalität der KiKK-Studie als nicht erfüllt. Seine Ausführungen gipfelten in der Aussage: »Falls die Annahme, Strahlung löst Leukämie aus, nicht stimmt, man aber daran festhält, findet man die eigentlichen Verursacher nie.« Die Möglichkeit, einen Risikofaktor, nämlich die nachgewiesene Abstandsabhängigkeit, auszuschalten und weiter nach den Ursachen der Leukämieerkrankungen zu forschen, kam ihm bedauerlicherweise in diesem Zusammenhang nicht in den Sinn.
Die sich anschließende Diskussionsrunde verlief in ruhigem Ton und immer wieder aufkeimenden Diskussionen der Kontrahenten auf dem Podium. Krümmel ist einer der drei weltgrößten Leukämie-Cluster von insgesamt weltweit 198 Kernkraftwerken. Und so fragte Peter Schulz, verärgert über die Abwesenheit von Dr. Peter Kaatsch: »Kann man aus der Häufung der Erkrankungen in der Nähe aller Kernkraftwerke eine Wahrscheinlichkeit der Schuld errechnen?« Professor Greiser nannte Interaktionen zwischen Strahlung und Pestiziden sowie Insektiziden. Während Dr. Jung sagte: »Die Beobachtungen sind zwar real, aber es gibt keine Erklärung dafür.« Doktor Heinzow nannte es unbefriedigend, dass in zwei Jahrzehnten keine Ergebnisse vorliegen, wies jedoch daraufhin, dass die Werte der Strahlenschutzverordnung nicht überschritten werden und daher eine Abschaltung nicht infrage kommt.
Hans-Heinrich Stamer fragte, warum nur Kinder unter fünf Jahren untersucht wurden und sagte: »Ich bin erschrocken über das Vorgetragene, man macht immer weiter wie bisher.« Darauf entbrannte eine kurze Diskussion, in deren Verlauf Professor Greiser den Vorsitzenden der Strahlenschutzkommission verärgert fragte: »Das Strahlenrisiko ist nicht auf fünf Kilometer begrenzt, wann akzeptieren Sie das mal?«
Sozialpädagogin Anja Koops von der Elterninitiative: »Was ist, wenn das Kernkraftwerk schuld ist und wir nicht abschalten?« Und reagierte damit auf die seltsame Logik des Professor Michel. »Es ist hochmütig, uns mit Tabellen zu belasten und den Eindruck zu erwecken, dass alles errechenbar wäre. Kann man definitiv sagen, dass Krümmel nicht schuld ist?« stellte Bettina Boll von den Grünen die Frage in den Raum. Und Dieter Mühlenbruch aus Geesthacht setzte sachlich hinzu: »Wie oft gibt es solche Häufungen fernab von Kernkraftwerken?« Professor Greiser wusste nur von einem Cluster aufgrund eines defekten Röntgengerätes in Sittensen und antwortete: »Ansonsten gibt es solche Cluster woanders nicht.«
Ali Demirhan von den Grünen verglich das Kernkraftwerk mit einem Auto, das man wohl kaum fahren würde, wenn das Risiko tödlich zu verunglücken so hoch wäre, wie die Gefahr an Leukämie zu erkranken, wenn man in der Nähe eines Kernkraftwerks wohnt. Eine besonders interessante Idee entwickelte der Ratsherr Hans-Werner Madaus von der SPD, in- dem er laut über die Möglichkeit der Beweislastumkehr nachdachte: »Atomanlagen sollten beweisen, dass sie nicht schuldig sind.« Des Weiteren sprach er das Bedauern darüber aus, dass in den niedersächsischen Gemeinden sich deutlich gegen Krümmel ausgesprochen wurde, nicht aber in der Ratsversammlung von Geesthacht. Doktor Cloosters verwies auf das geltende Recht, welches eine Beweislastumkehr in diesem Fall nicht vorsieht. »Wir bitten um den Schutz der Kinder, nicht um den Schutz der Atomkraftwerke«, deutliche Worte von Katrin Mentzel-Pajuelo. Lisa Oechtering vom Umweltbeirat ging weiter und bat die Behörden, eine Empfehlung auszusprechen, dass Krümmel nicht als Wohnort von Kindern geeignet sei. »Eine solche Empfehlung kann die Behörde nicht geben, da dafür keine Grundlage vorhanden ist«, erwiderte Dr. Cloosters. Kinderarzt Doktor Eisenberg hatte recherchiert: »Die Chefs von Vattenfall und ähnlichen Unternehmen wohnen nicht in der Nähe von Kernkraftwerken.« Sie werden wissen, warum. Die Krankheitshäufigkeit stellte keiner in Frage, so auch nicht Doktor Thomas Jung, aber: »Ich schließe die Strahlung nicht aus, aber ich weiß, dass es die Strahlung allein nicht sein kann.« Die alarmierende Zunahme von Leukämieerkrankungen um ein Prozent pro Jahr, ebenso wie bei Diabetes und Allergien, muss zu einer Grundlagenforschung führen, war Dr. Heinzow überzeugt. Zugleich machte er erneut darauf aufmerksam: »Es ist keine monokausale Entstehung von Leukämie, sondern eine polykausale«. Geschickt konterte Marion Lewandowski zum Thema Grundlagenforschung: »Die beste Grundlagenforschung wäre, das Atomkraftwerk nicht wieder ans Netz zu lassen und zu sehen, was geschieht.« Doktor Heinzow vermutete, dass die Ursache für die Leukämie-Cluster unentdeckt blieben. Sein Rat: »Leukämie nicht instrumentalisieren im Kampf gegen Kernkraft, sondern den Kampf auf andere Dinge richten, wie beispielsweise die Endlagerung«, fand im Publikum wenig Zustimmung. Ebenso wenig wie der fast zynische Ratschlag von Doktor Cloosters: »Appellieren Sie an den Betreiber.« Trotz der erwiesenen und unbestrittenen Abstandsabhängigkeit von Leukämieerkrankungen blieben viele Fragen unbeantwortet und die Ergebnisse ohne Konsequenz für das KKW Krümmel.